Verbreitung der Läutewerke

Die elektromechanischen Läutewerke der Eisenbahn sind eine deutsche Erfindung. Mit der schrittweisen Vernetzung der Eisenbahnen über Länder- und Staatsgrenzen hinaus sind die Läuteanlagen auch in jenen Staaten eingeführt worden, die unmittelbar an Deutschland grenzten. Läutewerke gab es flächendeckend in Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz. Aber sie waren streckenweise auch in all jenen europäischen Ländern verbreitet, die an diese drei Staaten angrenzten.

In Österreich-Ungarn gab es die „Glockensignale“, wie dort die Läutewerke genannt wurden, seit 1854. Auf der Südbahn (Semmeringstrecke) sind die ersten aufgestellt worden. 1858 folgte die Strecke Wien – Frankenmarkt der Kaiserin Elisabeth-Bahn, dann die Südnorddeutsche Verbindungsbahn. Bis 1868 wurden auch auf der Aussig-Teplitzer, der Böhmischen Nord- und Westbahn, der Galizischen Carl-Ludwig-Bahn und der Lemberg-Czernowitzer Eisenbahn Läutewerke aufgestellt. In den folgenden Jahren erhielten alle übrigen Hauptbahnen und einzelne Nebenbahnen Läutewerke. Um 1914 wurden in Ballungsräumen auf kürzeren Abschnitten die Läutewerke durch Telefone ersetzt. 1952 verschwanden sie endgültig.

Die ersten Läutewerke auf den Bahnen in der Schweiz, dort „Abläuteglocken“ genannt, gab es schon ab 1875 auf der Nordostbahn, die von Zürich aus in Richtung Oerlikon, Altstetten und Enge verliefen, ein Jahr darauf gefolgt von der Schweizerischen Centralbahn im Raum Basel. Um 1894 waren alle jene Strecken mit Läutesignalanlagen versehen worden, die nach einem Programm von 1887 dafür vorrangig vorgesehen waren. Die Schweizerischen Bundesbahnen legten zwar bereits 1960 ihre ersten Läuteanlagen still, aber sie waren vereinzelt sogar noch im Jahr 2009 in Betrieb.

In Frankreich wurden die Läutewerke, dort „sonneries allemandes“ (d. h. „deutsche Klingeln“) genannt, ab 1880 für eingleisige Strecken ohne Streckenblockung, auf denen täglich mehr als sechs Züge in jeder Richtung verkehrten, vorgeschrieben. Seit 1882 waren für alle eingleisigen Strecken verbindlich vorgeschrieben, um Zugzusammenstöße zu vermeiden. Die Läutewerke wurden in Frankreich bereits seit den 1950er Jahren abgebaut. Im Sommer 1982 waren Läutewerke noch zwischen Vic-sur-Cère und Le Lioran sowie zwischen Ossès – St-Martin und St-Etienne-de-Baigorny (ehemals MIDI) in Betrieb. Heute gibt es bei den französischen Eisenbahnen keine Streckenläutewerke mehr.

Auch in Belgien gab es auf einigen Strecken Läutewerke („sonneries de route“). Im Jahr 1862 baute die französische Nordbahn die grenzüberschreitende Strecke Givet (Frankreich) – Namur (Belgien) und rüstete sie mit Streckenläutewerken aus. 1874 führte die belgische Staatsbahn „Etat Belge“ Streckenläutewerke auf eingleisigen Strecken ihres Netzes ein. Sie waren bis etwa 1930 im Betrieb und wurden über die Zugmeldeleitung ausgelöst. An den Strecken der ehemaligen „Nord Belge“ waren Spindelläutewerke bis in die frühen 1940er Jahre im Betrieb, während beispielsweise Mantelbudenläutewerke bis 1946 im Dienst waren.

In den Niederlanden waren Läutewerke an den bewachten Bahnübergängen und in den Bahnhöfen vorhanden. Auf den Bahnhöfen waren Bahnsteigläutewerke und auf großen Stellwerken auch Zimmerläutewerke üblich.

In Oberitalien standen die Läutewerke auf den Stationen und Wärterposten.

In Dänemark gab es die Läutewerke bei der Staatsbahn seit dem Jahr 1903. Sie standen an den beschrankten Bahnübergängen und auf den Bahnhöfen.

In Polen standen Läutewerke auf der Warschau-Wiener Eisenbahn (1848 eröffnet) sowie auf den Strecken Myslowice – Kraków – Lwów (1861), Rejowiec – Belzec und Warszawa – Kalisz (1902/Breitspur 1524 mm) sowie Herby – Kielce (1912/Breitspur). In Polen sind Läutewerke bis um 1965 gebräuchlich gewesen.

Zumindest im grenznahen Bereich wurden Läutewerke selbst in Rußland, Rumänien und Serbien verwendet, wovon vereinzelte Bilddokumente und Erwähnungen in der Literatur zeugen.